Uns wurde und wird noch immer der Eigensinn vorsätzlich ausgetrieben

Uns wurde und wird noch immer der Eigensinn vorsätzlich ausgetrieben

In meinem Beitrag „Seien Sie eigensinnig und unangepasst!“ vom 16.10.2018 sprach ich noch davon, dass man bloß den Verdacht haben könnte, dass uns der Eigensinn vorsätzlich ausgetrieben werden sollte. Jedoch bin ich jetzt, zu der Erkenntnis gelangt, dass wir wirklich mit voller Absicht den Eigensinn abgewöhnt bekommen haben und uns immer noch ständig, ohne dass wir es merken,  ausgetrieben wird. Und zwar in der Schule, von der Politik und besonders von den Medien.

Eigensinn wird als etwas Negatives angesehen und eigensinnige Menschen sind von Wirtschaft, Industrie und Politik nicht gewünscht. Eigensinnige kann man nicht manipulieren und „klein halten“. Eigensinnige kaufen nicht alles, was angeblich glücklich, beliebt und anziehend macht, denn sie wissen, dass sie dies bereits sind, weil sie nicht von Außen diese Zuneigung brauchen, sondern diese sich selbst geben können. Mit angepassten Leuten kann man alles machen und muss es nicht erklären oder gar dem Volk, dessen Vertreter unsere Politiker ja eigentlich sind, zuhören.

Doch unsere Eltern / Großeltern konnten oder kannten oft gar nichts anderes. Ihnen ist der Eigensinn als „Halsstarrigkeit“ geradezu vorsätzlich oft schon im Säuglingsalter und auch besonders in der Schule ausgetrieben worden, damit aus ihnen angepasste, also passende Bürger werden, die sich nicht gegen Ausbeutung, Bevormundung usw. wehren, weil sie es gar nicht mehr merken.

Vor einiger Zeit sah ich auf der Fußgängerzone in Garmisch-Partenkirchen einen Mann mit großen Schritten voran eilen und einen kleinen etwa vier bis fünf Jahre alten Jungen hinter sich am Arm hinterher zerrend. Dieser weinte schon und als er brüllte, blieb der Vater kürzest stehen und riss ihn kurz am Arm mit wütendem Blick hoch, und hetzte weiter mit dem Bündel „Sohn“. Ich sah diese Szene aus einer Entfernung, aus der ich mich leider nicht einmischen konnte. Bedauerlicherweise hat sich niemand, von den zahlreichen Menschen, die direkt um den Vater herum waren darum gekümmert oder hat beruhigend auf diesen eingewirkt. Waren wohl alle erzogen gemäß dem blöden Spruch „ Ein Klaps /Ohrfeige hat noch niemandem etwas geschadet.“ Ach ja, wissen wir es nicht besser? Vielleicht kann man sich mal hineinversetzen oder sich an die eigene Vergangenheit als Kleinstkind erinnern: eine kleine Persönlichkeit, vollkommen ausgeliefert und machtlos von einer größeren, stärkeren Person, von der es total abhängig ist, wird erniedrigt und darf sich dagegen nicht wehren. Nein, soll im Gegenteil auch noch dankbar dafür sein, dass aus ihm jetzt etwas wird, denn nur wenn sie lernen, dass nicht alles nach ihnen geht, wird etwas aus ihnen? Ja ein Vater, der sein Kind auch wieder „misshandelt“.

Denn diesem „brutalen Vater“ könnte zu Gute gehalten werden, dass er es von seinen Eltern her nicht anders kannte und unbewusst das Denken hat „warum soll es meinem Sohn besser gehen als mir?“

Jedoch ist es oft gar nicht die Gewalt sondern auch die Manipulation, die Eltern zum gewünschten Erfolg bringen, ein Kind nach dem eigenen Geschmack zu kreieren.Kennt Ihr das ? I.S.v: „Mein Vater brauchte nur die Stimmlage zu ändern oder ein Blick von ihm genügte und ich wusste, jetzt ist es besser ruhig zu sein /das zu tun, was er will.“

Uns ist also, wie noch viel mehr unseren Eltern und Großeltern, der Eigensinn als Halsstarrigkeit geradezu vorsätzlich oft schon im Säuglingsalter und auch besonders in der Schule ausgetrieben worden.

Ich gehe fest davon aus, dass wir fast alle noch Kinder in Erwachsenengestalt sind, die endlich die vollkommene Anerkennung von den Anderen erhalten möchten, da wir eben keine bedingungslose Liebe zu uns selbst leben, also keinen Sinn für unser Eigenes Sein haben. Das ist uns oft erfolgreich aberzogen worden.

Die Bücher von Alice Miller , haben mich sehr zum Nachdenken gebracht und ließen mich, für meine Person, mir folgende Frage stellen:

„Wäre ich von meinem Eltern immer noch vorbehaltlos geliebt worden, wenn ich oft ungezogen, laut, andere Erwachsene beim Besuch störend, zornig, schlecht in der Schule, eifersüchtig, faul,dreckig, launisch, gierig, fordernd, nichts abgebend wollend vor ihnen gestanden hätte?“

Ich für mich, kann heute klar und deutlich sagen: „JEIN mit einer Tendenz zum Ja.“

Würdet Ihr Euch dann nicht fragen, frei nach dem Buch „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller (S. 33): „Inwieweit hätten meine Eltern mich dann noch geliebt? Zumal jedes Kind das doch auch ist. Könnte das auch heißen, dass eigentlich nicht ich, das Kind als solches, bedingungslos geliebt wurde, sondern eher das, was ich spielte zu sein? Das achtenswerte, verlässliche, mitfühlende, Verständnis aufbringende, ein unkompliziertes Kind eben, das aber im Grunde gar kein Kind mehr ist? Was ist dann mit meiner mir zustehenden Kindheit geschehen? Bin ich dann nicht um meine Kindheit betrogen worden? Als Erwachsener später kann ich jetzt nicht mehr zurück. Ich kann meine Kindheit nie mehr nachholen. Von Beginn an war ich ein kleiner Erwachsener. Meine Fähigkeiten und Talente – wurden sie einfach entwertet?“

Bitte liebt Euer Kind auch dann, wenn es laut, zornig, schlecht in der Schule, in den Tag hineinlebend, sich mit den Geschwistern streitend, Ihnen furchtbar auf den Geist geht, eifersüchtig, faul, launisch, gierig, fordernd , nichts abgebend wollend vor Euch steht und zeigt ihm, das es etwas ganz Besonderes ist und niemandem anderen gefallen muss! Das es einzigartig ist.

Entdeckt mit Eurem Kind zusammen, seinen Eigensinn und unterstützt Euer Kind darin, dass es eigensinnig sein darf, solange andere nicht dadurch geschädigt werden.

Denn in der Kindheit, die Ihr Eurem Kind gönnt, liegen die Wurzeln für das ganze Leben Eures Kindes.

Brigitte H. Alsleben

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