Seid eigensinnig und unangepasst

Seid eigensinnig und unangepasst

Ein Plädoyer für den Eigensinn, den eigenen Willen und somit für ein unangepasstes Verhalten. Auch, wenn die anderen Ihnen vorwerfen, dass Sie dann dickköpfig, verbohrt, egoistisch oder ähnliches sein würden. Das zeigt dann nur mal wieder, wie richtig der Ausspruch von Baruch de Spinoza1 ist. Der besagt “Das was der Paul über den Peter sagt, sagt mehr über den Paul als über den Peter.“ Sprich, diese Leute wollen willfährige Menschen, die sie für ihre Zwecke ausnutzen können und sind böse, wenn jemand hinter ihre wahre Absicht kommt. Man könnte wirklich manchmal den Verdacht hegen, dass Eigensinn den meisten von uns vorsätzlich, oft schon in der Kindheit, besonders in der Schule ausgetrieben werden sollte, damit aus uns angepasste, also passende Bürger werden. War Ihre Schule denn darauf aus, dass Sie herausfinden,

  • wie Sie Ihre ureigenen, in Ihnen vorhandenen Fähigkeiten und Talente entwickeln?

  • wie Sie sich selbst anerkennen?

  • dass Sie selbst der wichtigste Mensch in Ihrem Leben sind?

  • dass Sie Ihren „Nächsten“ nur dann wirklich bedingungslos wertschätzen können, wenn Sie sich selbst bedingungslos lieben?

  • wie Sie Ihre ureigenen Potenziale zum Wohl aller einbringen?

  • wie Sie, durch bedingungslose Selbstliebe ein Segen für alle anderen sind?

Wenn ich an meine Schulzeit denke, wurde gelernt, dass Wettbewerb herrscht, dass der Lehrer immer Recht hat und alles darf, dass man nicht langsam sein darf, dass man nicht seine eigene Meinung sagen darf und dass keiner etwas für sich behalten darf.

Wie ich das letztere meine? Es war in der Grundschule in Hamburg Othmarschen, wir machten damals, Anfang der siebziger Jahre, schon in der zweiten Klasse eine Art Klassenreise, bei der wir jeden Tag abends aber wieder nach Hause kamen. Ich hatte mir also ein paar meiner Lieblingssüßigkeiten eingepackt. Als meine Klassenlehrerin diese später am Ziel in meiner Tasche sah, nahm sie diese und meinte, die müssen in den allgemeinen Pott für alle. Das geht nicht, dass ich die für mich alleine nähme. Ich war geschockt und habe diese Wut bis heute nicht so ganz verdaut. Wir durften ja nicht wütend sein. Wir sollten schließlich das Abgeben, Teilen lernen. Aber so, ohne Erklärung, nur auf Druck. Irgendwie erinnert mich das an heutige Gesetze, bzw. deutsche Regierungen. Ein anderes Beispiel, wenn eine weibliche Mitarbeiterin von Kollegen oder sogar den Führungskräften während Ihres Arbeitstages distanzlos, belästigend behandelt wird,warum wehrt sie sich nicht laut, deutlich und unmissverständlich? Oder bei übergriffigem Verhalten durch Eltern, Schwiegereltern oder durch Verwandte, die sich in Ihr Leben einmischen oder Sie anmaßend behandeln?

Hierzu fällt mir ein kleines Beispiel ein, wie ich das auch meine. Ich hasse es, wenn man mir ungefragt einen Fussel von meiner getragenen Kleidung pickt, sprich ich will nicht einfach von jemandem berührt werden, da ich es als Eingriff in meine Intimsphäre empfinde. Meine Tante war gerade dabei, das zu tun, als meine Mutter die Absicht ihrer Schwester bemerkte, sie mit den Worten „Wenn dir dein Leben etwas wert ist, dann lass das lieber“ warnte. Meine Tante war brüskiert, „sie wolle doch nur…“ Ja was eigentlich, was bewegt einen Menschen dazu einen anderen ungefragt anzufassen.

Ich habe mich gewehrt und es ist mir einerlei, dass sie mich für etwas „eigen“ hält. Ich bin halt eigensinnig und verlange halt, dass man mir sagt, ich hätte da etwas und ob sie es abzupfen dürfe.

Aber zurück, warum widersetzen sich manche erst gar nicht und lassen alles zu? Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes? Ist dieser wichtiger als die/der Geschädigte selbst? Angst unbeliebt zu sein, Verlust der Kinderbeaufsichtigung, Mithilfe, finanziellen Unterstützung usw. durch die Familie? Aber ist es denn kein Verlust, wenn Sie alles willfährig mit sich machen lassen und sich nicht zur Wehr setzen?

Doch es ist der Verlust Ihrer Selbstwertschätzung, Ihr eigenes Überhören Ihrer Gefühle, das Sie beklagen dürfen. Sei es Wut, Trauer, Ohnmacht, diese wollen gehört werden und auf Dauer werden sich diese nicht weiter unterdrücken lassen und dann als Krankheitssymptome, Süchte usw. sich zeigen.

Wie weit wollen wir gehen, um den anderen unbedingt zu gefallen? Ein Hoch auf Ihr eigensinniges Verhalten, denn Sie hören dann auf ihre eigenen Sinne. Es ist kein Ungehorsam eigensinnig zu sein, sondern es zeigt, dass man sich seines ureigenen Selbst bewusst ist. Bevor man mich missversteht, Eigensinn ist nicht, dem anderen meine eigenen Vorstellungen oder meine Meinung aufzuoktroyieren. Natürlich meine ich auch nicht, dass sich jetzt jeder wie die Axt im Walde aufführen sollte. Ich will damit sogar sagen, dass das Zusammenleben von Menschen Rücksichtnahme und den Grundsatz benötigt, dass die eigene Freiheit des Einen immer nur so weit geht, wie diese einen anderen in dessen Freiheit nicht beeinträchtigt.

Wenn wir alle ein wenig eigensinniger werden, würde sich die Gefahr verringern,dass wir uns selbst verlieren und zeigen der Welt, dass wir uns liebevoll wehren und nicht mehr nachgeben und so wäre die Weltherrschaft der Dummheit , die sich aus der irrigen Annahme, der Klügere gibt nach, begründet hat, beseitigt (frei nach Marie von Ebner-Eschenbach2)

Ihre mit Freuden eigensinnige Brigitte H. Alsleben

1Laut Wikipedia:“Baruch de Spinoza war ein niederländischer Philosoph und Sohn portugiesischer Immigranten sephardischer Herkunft und portugiesischer Muttersprache. geboren am 24. November 1632 in Amsterdam, gestorben am 21. Februar 1677 in Den Haag

2Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, (1830 – 1916), österreichische Erzählerin, Novellistin und Aphoristikerin

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